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„Ich will, dass wir uns aufopfern und dabei wachsen“

Interview mit neuem VCW-Cheftrainer Paul Sens

Die Fragen stellte Sabine Ursel
(Journalistin, Wiesbaden)

 

Welcome beim VCW, dem „Home for Female Professionals“, Paul. Eine neue Stadt und ein neuer Club, der seinen engen Fokus auf Leistungssport um Persönlichkeitsentwicklung erweitert. Ein spannender Ansatz, oder?

Paul Sens: Ja, eine sehr interessante Konstellation, die hier ausgebaut wird. Als ich die ersten Infos zu diesem komplexen VCW-Konzept bekommen habe, hatte ich schon etwas Gänsehaut. Ich bin ja schon länger in diesem Geschäft. Wir bewegen uns im absoluten Leistungssport und nehmen alles irgendwie immer mit nach Hause. Erfolg, Misserfolg, hohe Anforderungen an fremden Standorten, Englisch als zunächst einzigem Nenner, und dazu kommen dann persönliche Hochs und Tiefs ... eine gefährliche Straße. Dass sich jetzt ein Verein in Deutschland erstmals in dieser Konsequenz Gedanken macht, wie man Spielerinnen konkrete, systematische Hilfestellungen für Gesundheit, Wohlbefinden und Privatleben geben könnte, finde ich sehr beeindruckend. Der VCW setzt damit ein Ausrufezeichen.

Das Ganze sollte aber niemand als kuschelige Wohlfühloase verstehen ...

PS: Nein! Ich sehe es so: Nur wenn sich eine Spielerin in der Atmosphäre, in der wir alle eng zusammenarbeiten, auch wohlfühlt, dann wird sie vermutlich auch ihre beste Leistung bringen. Dazu gehört die Freiheit, auch mal Fehler machen zu dürfen, ohne gleich mit drakonischen Konsequenzen rechnen zu müssen. Natürlich werden wir ab und an als Trainer auch Dinge zu sanktionieren haben, aber am Ende machen immer Ton und Authentizität die Musik. Es muss einen respektvollen Umgang geben.

Welche Rolle spielt bei Dir der Faktor Vertrauen?

PS: Wir werden einen richtig schönen Ansatz fahren. Der könnte aber auch anfällig für gewisse Steuergrößen sein, eben weil wir auf Vertrauen setzen und Verantwortung an die Spielerinnen abgeben. Ich will viel trainieren, ganz klar. Aber ich möchte auch freie Zeit in sinnvollen Intervallen einbauen, wenn es geht. Die Spielerinnen müssen nicht nur angesichts englischer Wochen den Kopf freibekommen. Das setzt freilich bei allen Selbstdisziplin voraus. Ich muss mich auf meine Athletinnen verlassen können. Es geht darum, sie gesund zu halten  und sie alle auf dieser Basis dann auch besser zu machen. Wenn es nötig sein sollte, ziehen wir die Zügel wieder an.

Haben bei Dir die Spielerinnen ein Mitspracherecht?

PS: Wir geben als Trainerteam den Rahmen vor. Aber wir fragen auch mal, was die Spielerinnen über bestimmte Maßnahmen denken. Sie sollen das Gefühl bekommen, einbezogen zu werden. Es wird einen Spielerinnenrat geben, der aus Jungen und Erfahrenen bestehen könnte. Ich möchte vor allem, dass auch jede Einzelne versteht, warum sie welche Lösungen auf dem Feld in bestimmten Momenten anwenden kann. Das kann ich auch mal von außen reinrufen, aber ich gebe während des Matches ganz sicher nicht jeden Spielzug vor. Ein Beispiel: Die Zuspielerinnen bekommen im Vorfeld einen Spielplan für den Angriffsaufbau, aber auf dem Feld zählt dann einzig die Intuition. Denn die kann innerhalb von Sekunden in letzter Konsequenz entscheidend sein.

Geht das auch innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Saison und auch mit einer U20-Spielerin?

PS: Zweimal ja. Das mag am Anfang auch mal fehleranfällig sein, aber hinten raus profitieren wir davon. Und damit sind wir wieder beim Thema: Dann haben wir Spielerinnen entwickelt, sowohl die volleyball-technischen Aspekte als auch die Persönlichkeit. Man lernt durchs Ausprobieren und nicht durch bloßes Erklären allein. Ich will in Sachen Technik individuell viel mit den Spielerinnen arbeiten, vor allem mit den jüngeren. Und ich werde versuchen, mit allen Athletinnen viel zu sprechen.

Du warst elf Jahre beim SSC Palmberg Schwerin als Co-Trainer auch europäisch vertreten, und das wohlgemerkt jede Saison. Du bringst also höchsten Standard beim VCW ein.

PS: Lass mich das so ausdrücken: Ich möchte, dass unser Volleyballstil sich am internationalen Spitzenniveau orientiert. Ich kann natürlich nicht versprechen, dass hier gleich alles funktioniert. Ich werde auch nicht fehlerfrei sein. Sicher verlieren wir auch mal Spiele unerwartet. Aber ebenso werden wir hoffentlich unerwartet Punkte, Sätze und Spiele gewinnen. Wir haben einen ausgewogenen Kader zusammengestellt, der durchaus überraschen kann.

Ein Club wie der VCW muss sich immer an einem vergleichsweise begrenzten Budget ausrichten. Wie seid Ihr bei der Kaderzusammenstellung vorgegangen?

PS: Wir haben sortiert, nochmals sortiert und zum Schluss aussortiert. Ich besorge mir schon die Videos, Schnitte und Statistiken, die ich brauche. Ich kontaktiere Trainer, die schon mit den Spielerinnen gearbeitet haben. Der VCW-Kader hatte schon vorher Qualität, etwa im Zuspiel und mit René Sain als internationaler Top-Libera. Im Mittelblock um die erfahrene Rachel Gomez und die junge niederländische Nationalspielerin Roos Wessels wollen wir den gegnerischen Block verunsichern. Unsere junge ukrainische Diagonale Marharyta Geiko bringt alle Voraussetzungen für ihre wichtige Position mit. Die Außenangreiferinnen sollen viel Kontrolle im ersten Kontakt mitbringen. Ich möchte nicht dadurch verlieren, weil wir gar nicht erst ins Spiel gekommen sind. Suhl hat im Übrigen nicht nur deshalb so überraschend erfolgreich agiert, weil der Angriff meist überragend war. Es war auch die Abwehr. Die Defensive ist nicht unbedingt eine Talentfrage. Hier geht es um absoluten Willen. Und ich will, dass wir uns aufopfern und dabei wachsen.

Das sollte sich dann auch an der entsprechenden Körpersprache der Spielerinnen zeigen. Ich nehme dabei in jeder Saison deutliche Unterschiede wahr.

PS: Ja, das ist so. Schau beispielsweise auf die Männer: Die kommen häufiger mit einer gesunden Arroganz daher. Und sie sind in der Regel nicht so nervös, auch wenn sie vor vielen Zuschauern spielen. Ich hoffe, dass wir allen Athletinnen dazu verhelfen, ein gutes Selbstvertrauen zu entwickeln, das sich dann im Wettkampfmodus widerspiegelt. Dazu gehört auch, unseren eigenen Stiefel versuchen zu spielen, und zwar unabhängig vom jeweiligen Gegner.

Gilt das auch für die Körpersprache eines Trainers?

PS: Damit kann man durchaus etwas senden, auch auf die Tribüne. Wenn man das denn so beabsichtigt ... Ich glaube aber, dass viele Spielerinnen gar nicht so richtig mitbekommen, was der Trainer am Rand macht, allenfalls das, was er ruft. Wir können mal für zwei Sekunden einer Spielerin ein Sicherheitsgefühl vermitteln, aber dann agiert sie wieder allein.

Welche Rolle spielt eine volle Halle – und dann auch ein enthusiastischer Hallensprecher?

PS: Eine volle Halle pusht uns alle, keine Frage. Das sollte motivieren und nicht einschüchtern. Den Heimvorteil gilt es zu nutzen! Ein Hallensprecher ist aus meiner Sicht eher für die Begeisterung des Publikums da. Es gibt Spielerinnen, die sich von einem enthusiastischen Sprecher motivieren lassen. Andere tangiert das weniger, weil sie im Tunnel sind. Gut ist schon mal, dass man sich hier in Wiesbaden viele gute Gedanken um den Heimspieltag macht. Der Sport allein reicht heutzutage nicht mehr aus. Und man bräuchte in der Liga eigentlich auch mehr Pausen für einen besseren Event-Charakter in den Hallen. Aber generell finde ich es schade, dass wir im Volleyball immer ein wenig mit unseren Emotionen in die „falschen“ Richtungen aufpassen müssen. Da schaue ich gerne auf den Kontrast im Handball, Fußball und Basketball bei den Erstliga- und Länderspielen. Was aber für uns vor allem zählt: Wir müssen uns gut verkaufen, wichtige Spiele gewinnen, eng dranbleiben. Erfolg zieht Leute in die Halle, und Erfolg wird uns helfen, auch überregional neue Fans und Sponsoren anzusprechen.

In Deiner Zeit bei Schwerin und als weiterhin aktiver Co-Trainer der belgischen Damen-Nationalmannschaft hast Du einen guten Überblick gewonnen: Welche Veränderungen bei Positionen und Spielsystemen hast Du im internationalen Volleyball beobachtet?

PS: In Italien wird beispielsweise ein anderes System gespielt als in der Türkei oder in Deutschland. Der klassische Einbeiner etwa wird in vielen Mannschaften gar nicht mehr gespielt. Und: Der internationale Top-Volleyball ist sehr viel physischer geworden. Gute Beispiele sind die Diagonalen Tijana Bošković bei VakıfBank und Melissa Vargas bei Fenerbahçe in Istanbul ebenso wie die in Italien spielenden Bella Haak bei Imoco Volley Conegliano und Paola Egonu bei Vero Volley Milano.

Du bist der jüngste Trainer, der die A-Lizenz erworben hat, und nun einer der Jüngsten, der das Diplomtrainer-Studium an der Trainerakademie Köln des Deutschen Olympischen Sportbundes absolviert. Was lernst Du dort von den anderen? 

PS: Im Grunde ist das Diplom nur eine Ergänzung und Weiterentwicklung meiner A-Lizenz. In Köln bin ich der einzige Volleyballvertreter. Der Austausch bringt uns allen viel. Wir sind 29, darunter sieben Frauen. Ich sitze unter anderem neben Bahnsportlern, Handballern, Leichtathleten, Schwimmern. Manche waren Olympiasieger und auch mein Studiengangsleiter hat eine Judo-Goldmedaille daheim im Schrank. Das Schöne: Es gibt auf diesem hohen Niveau keine Egos mehr. Die Leute wissen, was sie können. Alle arbeiten hart, sind dabei aber entspannt. Das ist im Übrigen auf internationaler Top-Ebene bei unserem Sport auch der Fall. Da sind die Trainer in der Regel offen. Du kannst dort überall ins Training gehen, Fragen stellen und bekommst auch eine belastbare Antwort.

Welchen Erfolg war für Dich der emotionalste mit dem SSC Palmberg Schwerin als Co-Trainer von Felix Koslowski?

PS: Da kann ich mich jetzt gar nicht festlegen. Im Grunde gab es viele seit meiner Zeit ab 2015: dreimal Deutscher Meister, dreimal Pokalsieger und viermal Supercup-Sieger. Das Überraschendste war sicher der Meistertitel 2025.

Dieses besondere Erlebnis liegt noch gar nicht lange zurück. Und nun können wir Dich beim VCW begrüßen. Nach der Bekanntgabe des VCW im Februar hat Sport1 von einem „Trainerknaller“ berichtet ...

PS: Das habe ich ja auch gelesen (schmunzelt). In der 1. Bundesliga sind die meisten Cheftrainer-Posten ja gefühlt auf viele Jahre angelegt, da habe ich schon Glück gehabt. Ich sehe mich weder als Heilsbringer noch als One-Man-Show. Die Arbeit fängt erst an. Wir haben gemeinsam noch nichts erreicht. Ich war bisher gewohnt, dass die Leute in Schwerin von 3:0-Siegen ausgehen. Die Erwartungen sind aber auch hier in Wiesbaden groß, auch weil ein Trainer von außen kommt, der neue, auch internationale Impulse einbringt.

Auch das Umfeld dürfte von diesen Impulsen profitieren.

PS: Wir Trainer und die Spielerinnen sind es am Ende, die den Erfolg hoffentlich für den Verein reinholen, aber es gehört mehr dazu: Viele Menschen machen sich Gedanken, engagieren sich vielfältig, kümmern sich ehrenamtlich mit enorm viel Herzblut um unsere gemeinsame Sache. Auch davor habe ich großen Respekt. Wir werden eine Weile brauchen, um uns an den Standard heranzuarbeiten, den man auf internationalem Spitzenniveau haben sollte. Eine Saison ist ohnehin kurz. Jetzt gilt es zunächst auch, die VCW-Nachwuchstrainer kennenzulernen und zu schauen, was noch besser ineinandergreifen könnte. Ich möchte hier in die Kultur eintauchen, auch in die Philosophie des „Grow. Play. Lead“. Es gibt beim VCW so vieles, was Spaß macht und wofür es sich lohnt, hart zu arbeiten.

Ab August hast Du alle Spielerinnen beisammen. Welche außersportlichen Reize wirst du setzen, bevor die Saison am 11. Oktober mit einem Auswärtsspiel beim USC Münster beginnt?

PS: Das kann zum Beispiel Selbstverteidigung sein und mal eine Fahrradtour. Oder Rudern im Schiersteiner Hafen. Ich habe mich schon erkundigt: Dort gibt es Drachenboote für große Mannschaften. Wichtig ist, dass der Zusammenhalt auch außerhalb der Halle gefördert wird. Die Spielerinnen kommen ja aus mehreren Ländern oft nur für eine Saison zum Verein. Und ich will, dass sich dann rasch möglichst breit herumspricht, dass wir beim VCW tolle Arbeit leisten, und das auf allen Ebenen.

Paul, viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Zu den Spielplänen des VCW:

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